| Korridorium |
| 1x täglich Kurzprosa mit Soundtrack vom 11/11/11 bis 12/12/12 |
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| Ich betrete den Korridor. Diesmal, finde ich, hat es der Professor übertrieben. Alles wirkt viktorianisch verspielt: An den Wänden sprudeln kleine Fontänen unter ovalen Spiegeln mit geschnitzten Elfenbeinrahmen. Das also ist sein neuster Streich, die »Mythenmaschine«. Irgendetwas hat Ceril auf den Gedanken gebracht, die Mythen der Welt hätten sich aufgebraucht. »Eine ›Mythonen‹-Knappheit?«, habe ich vorwitzig gefragt, aber er hat mich nur verächtlich angesehen. Offenbar geht es diesmal nicht um der sonstigen Wissenschaft unbekannte Elementarpartikel. Er ließ mich referieren, was ein Mythos ist, war aber mit meinem Wikipedia-Wissen unzufrieden und erklärte, er beschäftige sich als Freizeit-Mythenforscher intensiv mit »archetypischen Erzählungen, die als kollektives Vorbild dienen können. »Harry Potter?«, schlage ich vor, und »Avatar?« Der Professor runzelt die Brauen: »Das ist ja gerade, was mir Sorge bereitet: diese allgegenwärtige Regression ins magische Denken. Der Mythos vom edlen Wilden und der von einer verzauberten Welt, die nicht so sehr den Naturgesetzen wie dem menschlichen Willen gehorcht – leider derzeit nicht sehr hilfreich und zielführend, was die Zukunft der Menschheit anbelangt.« Deshalb nun seine Maschine. Sie soll den Mythos für das 21. Jahrhundert kreieren, die universelle Geschichte, die allem, was wir erleben und anstreben, neuen Sinn verleiht – und ich soll diese Kreation ans Tageslicht holen. Die stoffbespannten Türen des Korridors sind mit wabernden Buchstaben beschriftet. Wie im Traum lässt sich nicht richtig erkennen, was da steht, und es ändert sich dauernd. Stand da eben etwas von »die Seele dem Teufel verkaufen«? Oder »Erschaffung der Welt in sieben Tagen«? Oder »Kaiser Barbarossa schläft nur«? Mir wird ganz schummrig, und ich mache, dass ich aus der Maschine wieder rauskomme. »Sie steht mit ihren Berechnungen offenbar noch ziemlich am Anfang«, erkläre ich dem Professor mit fester Stimme. »Aber sie arbeitet schon ganze sechs Tage lang«, erklärt er traurig. Dann zuckt er die Schultern: »Na schön, dann geben wir ihr noch eine Woche.« Und als er meinen Blick sieht: »Einen Monat?« Ich antworte nicht, und Ceril meint schließlich enttäuscht: »Gut: ein Jahr. Damit sollten wir auf der sicheren Seite stehen.« Ich nicke zufrieden. Bloß erst einmal nicht wieder da reinmüssen! In der folgenden Nacht bin ich im Traum auf der Flucht vor einer gewaltigen Horde Märchen- und Sagengestalten, die alle unbedingt mein »Vorbild« sein wollen. Ich erwache schweißgebadet. Hoffentlich verfolgt mich dieser Alptraum jetzt nicht Nacht für Nacht ein ganzes Jahr lang. (Tat er nicht. Stattdessen eroberte eine ziemlich verrückte neue Mitschülerin meine Träume im Sturm. Aber das ist eine andere Geschichte.) Entropie (Video, dt. 15 min): |
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| Ich betrete den Korridor. (Bitte ankreuzen.) täglich mehrfach; 1x/Tag; 1x/Woche; 1x/Monat; fast nie. Ich will hier mehr Farbe. Und Fotos. Und Filme von Korridoren. ja, unbedingt; gern; weiß nicht; bleib lieber minimalistisch! Ich will hier mehr Erotik. (Mehrfachnennungen möglich.) ab 18; erst nach 22 Uhr; nur Blümchensex; im Korridor? Auf die Begleitmusik kann ich verzichten. Die Texte sind okay. genau; hab eh das Radio laufen; egal; welche Musik? Die Soundtracks sind super. Auf die Storys kann ich verzichten. nervt alles; inspiriert beides; gibt’s Download-Links? Ich will liken, disliken und hearten können (und ggf. auch plussen). ohne geht gar nicht; ab und an; wozu? Ich will Kommentare abgeben und Kommentare kommentieren. weder noch; sowohl als auch. Ich möchte gerne über Merchandising-Produkte informiert werden. trifft zu. Ich bestätige hiermit, die Widerrufsbelehrung gelesen und verstanden zu haben. ja. Bitte senden Sie den ausgefüllten Fragebogen an uns zurück. Sie nehmen an einer Verlosung teil. Ihre Daten werden nach allen Regeln der Kunst ausgewertet, kreuzreferenziert und gewinnbringend weiterverkauft. Widerrufsbelehrung: |
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| Ich betrete den Korridor zwischen den überfüllten Sitzreihen des Busses und werde mich bis nach hinten zur Plattform vorarbeiten. Dort werde ich einen jungen Nerd beobachten, der sich bei einem Fahrgast über Ellenbogenstöße beschwert, und mich köstlich darüber amüsieren, wie der Typ plötzlich Angst vor der eigenen Courage kriegt und sich auf einen freigewordenen Platz verzieht. Ich werde mich kurz darüber lustig machen, dass der dünnhalsige Geek es wohl cool findet, über den Nike-Haken auf seinem Käppi eine Aids-Schlaufe gepinnt zu haben, und zwar kopfüber, mich dann aber anderen Gedanken zuwenden und vielleicht sogar – im Stehen und mit einer Hand in der Halteschlaufe über mir – einen Blick in meine derzeitige Arbeitsweg-Lektüre zu werfen, Exercices de Style – manierierte belletristische Etüden, vermute ich und werde ich bestätigt finden. Später werde ich den Freak wiedergesehen haben, wie er sich von einem Kollegen den Finger auf die Brust legen und maßregeln ließ. Aber da das alles nicht wirklich erwähnens- oder auch nur erlebenswert ist, werde ich den Bus heute vorbeifahren lassen und mich der Abwechslung halber mal zu Fuß auf den Weg in die rue Sébastien-Bottin 5 gemacht haben. Queneaus Stilübungen: |
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| Ich betrete den Korridor zwischen den Staudengewächsen und Zierbäumen. In unserem Freigelände können sich Pflanzenliebhaber fast jeden Wunsch erfüllen. Von Seerosen bis zu Rabattenstauden präsentiert sich ihnen unser Angebot wuchsfreudig, blühend und ganz in Saft und Kraft stehend. Die Pflege des umfangreichen Bestands ist für uns Mitarbeiter im Gartenmarkt eine ziemliche Herkulesaufgabe. Trotzdem habe ich während meines Praktikums immer wieder Zeit gefunden, staunend zu beobachten, wie die Pflanzen ihre Käufer finden. Die Kunden streifen umher und begutachten unser Angebot, und dann irgendwann macht es Klick, und eine der Pflanzen hat ein neues Heim und einen neuen Besitzer gefunden. Ob es irgendetwas Chemisches ist, Pheromone vielleicht, oder ob es eine Form von Magie ist, habe ich noch nicht herausfinden können. Zwar glauben die Heimgärtner und Laubenpieper, sie wären es, die hier die Wahl treffen, aber in Wahrheit haben sie keinerlei Kontrolle über ihren Einkauf und stehen ganz im Bann der Blumen, Stauden und Ziergehölze, die sich ihnen aufdrängen. Wobei diese durchaus wählerisch sind. Und, ja, es gibt auch Kunden, die absolut unempfänglich sind für die Signale der Botanik und einfach einpacken, was auf ihrem Einkaufszettel steht. Doch die sind selten. Ein fetter Mann, der seine Resthaare auf die Glatze gekämmt hat, schiebt seinen Einkaufswagen zwischen den Paletten durch. Er lässt seinen Blick schweifen und rollt gemächlich am Blauglockenbaum vorbei. Im Wagen hat er einen Zimmerspringbrunnen mit Drachenbaum und Zwergpfeffer. Ich als Pflanze würde mich jetzt klein und unscheinbar machen und ihn vorbeifahren lassen – wer ein weißes T-Shirt anzieht, das sich über den Bauch spannt und zahlreiche Flecken zweifelhafter Herkunft aufweist, wird auch seine Pflanzen nicht richtig pflegen. Er hält an und nimmt den Blauglockenbaum in Augenschein. Ich beobachte ihn zwischen den Ästen der Harlekinweide hindurch. Was will er mit unserer Paulownia? Sie sieht ein wenig kümmerlich aus, ein paar der Blätter sind bräunlich verfärbt, als leide sie unter Pilzbefall. Niemand interessiert sich für sie. Schon seit Monaten steht sie unbeachtet auf der Palette neben dem Goldliguster: ein echter Ladenhüter. Aber der Dicke packt sie doch tatsächlich in seinen Wagen. Ich eile sofort hin. »Kennen Sie sich mit der Pflege einer Paulownia aus? Sie ist sehr kapriziös.« Das soll ihn abschrecken. Aber der Kerl brummt nur und schiebt seinen Wagen weiter. Ich folge ihm. »Oh, sehen Sie nur. Sie ist krank. Warten Sie, ich checke mal in unserem Bestand, ob ich nicht ein anderes Exemplar für Sie habe.« Wir haben keines, das muss ich nicht erst checken, aber ich kann ihm bestimmt einen Trompetenbaum unterjubeln, die werden oft mit der Blauglocke verwechselt. Doch der fette Glatzkopf schüttelt unwirsch den Kopf und reißt mir den Plastiktopf wieder aus den Händen, setzt ihn neben seinem Zimmerspringbrunnen, wirft Paulownia einen verliebten Blick zu und lässt mich einfach stehen. »Entschuldigen Sie«, rufe ich ihm hinterher, »dieser Zierbaum ist bereits verkauft.« »Er gehört mir!«, will ich anfügen, aber ich sehe, dass die Tochter des Chefs auf mich aufmerksam geworden ist. Sie steht mit dem Wasserschlauch an den Silberweiden. Der Übergewichtige dreht sich zu mir um. Ich habe nur Augen für meine Paulownia. Sie schüttelt ihre Blätter und reckt sich zu ihrer ganzen Größe auf. Sie will mich verlassen. Sie will sich diesem Dicken in seinem schmierigen T-Shirt an den Hals werfen, will die Seine werden und alles in den Dreck treten, was sich so behutsam zwischen uns beiden entwickelt hatte! Die Tochter des Chefs tritt zu dem Dickwanst: »Es ist alles in Ordnung mit dem Bäumchen.« Dann dreht sie sich zu mir um. Sie hatte schon immer einen Kieker auf mich: »Ich glaube, unsere Orchideen müssen mal wieder ein wenig eingenebelt werden.« Doch ich habe bereits die große Gartenschere in der Hand. Von diesem Fettsack lass ich mir meine Paulownia nicht wegnehmen! Ich stürze mich wütend auf ihn. Nach einem kurzen Handgemenge und ein paar schrillen Hilfeschreien der Chefstochter kann ich den Mann zur Seite stoßen und stehe dem treulosen Zierbaum gegenüber. Mit meinen Händen an den Griffen öffne ich die Schere. Paulownia scheint zurückzuweichen, ihre Zweige zittern, und sie scheint mich anzuflehen, es nicht zum Äußersten kommen zu lassen. Sie will alles wiedergutmachen, mir ein Leben lang treu bleiben, mir zu Diensten sein, mir jeden Wunsch von den Lippen ablesen! Pah! Sie kann mich nicht mehr täuschen … Später habe ich erfahren, dass der Blitz, der in diesem Moment auf mich herniederfuhr und mich zu Boden schleuderte, eine der Edelstahlgießkannen für 94,99 Euro war, die mir die Tochter des Chefs über den Schädel zog. Die Aktion brachte mir neben einer schmerzenden Beule und einer leichten Gehirnerschütterung natürlich gleich auch die fristlose Kündigung ein. Meine Paulownia war fort, verkauft, als ich wieder zu mir kam. Der Dicke hatte sie in seinen Kombi geladen und war davongefahren. Wegen des unangenehmen Vorfalls haben sie ihm den Baum geschenkt und mir den Kaufpreis von meinem Praktikantengehalt abgezogen. Also gehört sie jetzt ganz offiziell mir, oder? Ich habe sie schließlich bezahlt. Und ich werde sie mir holen! Janine von der Kasse, mit der ich hin und wieder heimlich hinterm Treibhaus an den Kompostcontainern geraucht hatte, hat mir den Namen und die Adresse des fetten Kunden gegeben. Der Chef hatte beides notieren lassen, für den Fall, dass es ein Nachspiel gibt. Oh ja. Es wird ein Nachspiel geben! Diesmal habe ich die Motorsäge dabei … |
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| Ich betrete den Korridor? Na, das wüsste ich aber! Ich bin doch gar nicht an der Reihe. |
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| Ich betrete den Korridor. Aus dem Behandlungsraum dringt das Stöhnen einer Frau. Ich klopfe und trete ein, lege dem Maître die gewünschten Magnete auf den Tisch. Er hält seine Hände über seine Patientin, beachtet mich nicht weiter und murmelt: »Das Fluidum muss fließen, das unsichtbare Feuer des Lebens muss die Krise entfachen, um den Weg zur Heilung zu ebnen.« Dann greift er nach den Magneten und führt sie am Körper der Frau entlang, die schwer atmet und die Augen verdreht. Auch ich habe mich schon als Magnetopath versucht, mir die Heilsteine des Maître heimlich ausgeliehen und über dem sich langsam wölbenden Bauch meiner Freundin geschwenkt, dem Zimmermädchen des Maître, Eloise. Auch sie hat die Augen verdreht, aber doch wohl eher deshalb, weil sie mich und meine halblauten Beschwörungen ziemlich lächerlich fand. Sie ist dann doch zur Engelmacherin gegangen. Vielleicht sind es auch gar nicht die Magneten, sondern es ist der Maître selbst, sein eigener Magnetismus animalis, der die Reaktionen seiner Patientinnen und die wunderbaren Heilungen verursacht? Ich hoffe immer noch, dass er mich als Schüler annimmt und in seine Geheimnisse einweiht. Mit einer ungeduldigen Handbewegung entlässt er mich. Ich trete wieder in den Korridor. Lange noch lausche ich an der Tür, wie er mithilfe seiner Magnete und Beschwörungen die Blockaden der Frau Stück für Stück zum Schmelzen bringt. Animalischer Magnetismus: Das Wort »mesmerisieren«: |
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| Ich betrete den Korridor wie in Zeitlupe, genüsslich und mit geschlossenen Lidern, ganz in Konzentration auf die Klänge, die mir aus meinen Kopfhörern ans Ohr dringen und auf meinen Netzhäuten seltsame Formen und Farben hervorrufen. Wenn ich jetzt die Augen öffne, werde ich genau den Korridor vor mir sehen, den mir die Tonfolgen formen und schaffen. Es ist, jedes Mal wieder, ein spannendes Abenteuer, wohin mich die Klänge tragen. Mit lustvoller Langsamkeit hebe ich meine Lider, und tatsächlich! |
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| »Ich betrete den Korridor, von dem es heißt, er befinde sich in einem Haus – meinem Haus –, das sich in einer kleinen Stadt befindet …« »Opa«, unterbricht mich eine der beiden, Julietta dürfte es sein, jedenfalls hat sie die Wirbel links über der Stirn, »warum fängst du deine Geschichten immer an mit ›Ich betrete den Korridor‹ und nicht mit ›Es war einmal‹?« »Weil ihr zwei ganz besondere Mädchen seid und ich euch beiden ganz besondere Geschichten erzähle, die sonst keiner erzählt, keine anderen Omas und Opas, und auch nicht die Tanten im Kindergarten.« »Das sind keine Tanten, Opa. Das sind unsere Kindergärtnerinnen.« Sagt die andere, Juniper. »Märchentanten, meine ich. Jedenfalls fangen meine Geschichten immer im Korridor vor eurem Schlafzimmer an. Weil sie, anders als die anderen Märchen, die euch erzählt werden, samt und sonders wahr sind. Darf ich jetzt weitererzählen?« Beide nicken mit großen Augen, als könnten sie kein Wässerchen trüben. Na, mal sehen. »Ich betrete also den Korridor, von dem es heißt, er befinde sich in einem Haus – meinem Haus –, das sich in einer kleinen Stadt befindet, die in einem Landstrich liegt, welcher zu einem Kontinent gehört, der wiederum in geologischen Zeiträumen über die Oberfläche eines Planeten treibt. Heißt es zumindest. Aber da fällt mir der Garten meiner Kindheit ein, der Garten eurer Urgroßeltern, die ihr nie kennengelernt habt. Als ich noch klein war, stand in unserem Garten ein riesiger Baum. Er war so gewaltig groß, dass ich dachte, oben auf seinen Ästen würden sich ganze Länder befinden, und die Bewohner ahnen vermutlich gar nichts davon, dass sie auf einem Baum wohnen.« »So einen großen Baum gibt es nicht.« »Oh doch. Ich muss es wissen. Eines Tages bin ich nämlich hinaufgeklettert. Und wisst ihr, was ich da oben fand?« »Ein Vogelnest?« »Nein. Einen kolossalen, alten, knorrigen Ast, auf dem sich Wiesen und Wälder, Wüsten, Berge, Seen und ganze Meere befinden. Es dauerte viele Jahre, auch nur einen kleinen Teil dieser Landschaften zu erkunden. Dabei lernte ich übrigens eure Großmutter kennen, Gott hab sie selig.« »Oma?« Ungläubige Blicke. »Auf dem Baum bei euch zuhause im Garten?« Ich nicke. »Ihr habe ich in einem Dorf eines Landes auf dem Ast ein Haus gebaut. Dieses Haus hier. In dem dann eure Mutter geboren wurde.« »Aber das ist doch Quatsch, Opa. Wir leben doch nicht auf einem Baum!« »Vielleicht ja doch. Ich muss es wissen. Schließlich bin ich ihn hinaufgeklettert.« »Aber Opa, wir leben auf einem Planeten, nicht auf einem Ast. Guck doch einfach mal bei Google Earth. Wenn man da ganz rauszoomt, sieht man die Erde.« »Wer sagt denn, dass das stimmen muss? Im Mittelalter hat Google Earth die Erde als Scheibe gezeigt, von deren Rand man, wenn man nicht aufpasste, runterfallen konnte.« »Opa!« »In Wirklichkeit aber sind unsere Länder und Kontinente nichts anderes sind als die Borke eines kolossalen, alten, knorrigen Baumes. Wenn die Nächte ganz still sind, könnt ihr das Holz leise im Wind knarren hören.« »Ach, Opa, das sind doch Märchen.« – »Und deine Märchen sind gar keine richtigen Märchen, sonst gäb es da Heldinnen und Prinzen …« – »… und Pferde und Eichhörnchen und Zwerge.« – »Keine Korridore.« – »Genau. Auf keinen Fall Korridore.« »Auch nicht die im Märchenschloss? Wisst ihr was, ihr zwei Heldinnen? Das mit den Korridoren ist jetzt eh vorbei. Gleich morgen früh breche ich auf und steige wieder hinunter.« »Hinunter?« Vier Kinderaugen sehen mich groß und fragend an. »Ja. Wieder von dem Baum herunter, der im Garten meiner Kindheit steht. Wisst ihr, mein Vater hatte nämlich eine Schaukel an einen der unteren Äste gehängt, und das war, wenn ich mich recht erinnere, der schönste Platz der ganzen Welt.« »Du gehst weg?!« »Na ja, wir reden dann noch mal beim Frühstück darüber. Ob ihr mir das mit dem Baum glaubt oder doch lieber Google Earth vertraut.« »Wir glauben dir das mit dem Baum, Opa!« – »Google Earth will uns was vormachen!« – »Mit Photoshop kann man ganz leicht aus einem Ast einen Planeten machen.« – »Geh nicht weg, Opa!« »Nein, meine Engel, keine Sorge. Ich glaube auch gar nicht, dass die Schaukel noch hängt. Und jetzt macht schön die Augen zu und lasst euch vom Wind, der Nacht für Nacht durchs Geäst der Welt weht, in den Schlaf wiegen.« |
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| Ich betrete das Korridorgelgebraus mit gespanntem Trommelfell. Sogleich feuern Astraltriebwerke mit der Anmut einer Krokodilsträne kloneske Ober-, Über-, Hyper- und Cybertöne in unsre elfdimensionalen Malschmeckknospen, Malriechkolben, Malheurgänge, schälen sich sinnästhetisch-prozessaural aus dem infiniten Persilenzium, um panresonante Horchposten zu okkupieren und auditivgefrostet in die Kastratosphäre unsrer Launen, Grillen und Schismen zu sickern, kontrapunktisch konfrontal inmitten quelloffener Süffisanzen. Patasonische Nanupartikel – clusterhaft lüstern knisternd – flüstern Rhythmuster, Sonarchitexturen und klanganhaltende Tapedecklarationen, erweisen liederliche Melodienste, kadenzen delikate Ohr d’oeuvres, vexeln in voller Fahrt den Spin ins biotronisch Organifizielle, quizeln meine Lachmuskeln, branden wogend in unsre poesienafarbenen Lauschmuscheln, kuscheln sich quadrillphon in dritte Ohren. Sausen. Schalldünung. Meeres Rausch. Verwehmut knapp unterhalb der Hörschwälle. Dezibelcanto. Oiseaux-Flocken. Froh locken uns Flohglocken vom blassen Bliss bloßen Ohrenscheins zu flirren Luziditätlichkeiten im Shangri-Labyrinth unsrer grauen Zellen, bis dich unverhofft ein mikrokosmisches Klangfragment für ein minimaliziöses ultragikomisch-infragiles Erstjetzt ins Hellhören-Wahrlauschen-Klarhorchen bringt. Im Nu. Ganz Ohr. Sein. |
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| Ich betrete den Korridor, indem ich mich in ihn hineinversenke. Er läuft nach unten spitz zu, genau wie ich, und seine Wände sind unregelmäßig zerfurcht. Nichts hier sieht nach Tönen aus, und doch verwandle ich diesen gebirgigen, spiraligen Gang in Klänge und Musik. Er ist winzig klein, so dass mir schon ein einzelnes Staubkorn einen heftigen Schlag versetzen und mich womöglich aus der Bahn werfen kann. Oder sollte ich sagen, so war es früher, bevor man mich durch einen kohärenten Lichtstrahl ersetzte und den Korridor im Vinyl durch metallbedampftes Polykarbonat mit winzigen Grübchen? Ja. Früher. Immer wieder glitt ich durch Korridore, die sich unter mir hinwegdrehten, und es waren immer neue Scheiben aus Vinyl, die mir anvertraut wurden, damit ich ihnen Töne entlocke. Wie ist es mit Ihnen, wenn ich fragen darf? Besitzen Sie noch Ihre Sammlung schwarzer Platten mit bunten Aufdrucken? Lassen Sie sie doch noch einmal erklingen! Für uns Kristalle ist es immer wieder ein Wunder und ein Genuss, eure in die Scheiben geschnittenen winzigen schwarzen Korridore in Musik zu verwandeln! LP: |
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